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Auszug aus dem Booklet Who makes Europe


WHO MAKES EUROPE
Betrachtungen zur europäischen Identität und die Identitäten seiner Einwohner

„Europa ist kein Ort, sondern eine Idee“ (Bernard-Henri Lévy)

Identität deutet zum einen das singuläre Individuum oder aber ein Gruppe mit gleichen oder vergleichbaren Eigenschaften. Während das einzelne Subjekt sich mittels seiner spezifischen Eigenheit von anderen Subjekten isoliert, erzeugt die Kongruenz einer Gruppe Loyalität und Solidarität unter den Teilstücken, ebenfalls mit dem Ziel sich gegenüber anderen Gemeinschaften abzusondern.

Identität versteht sich demnach immer als ein Abgrenzungsprozess nach Außen zugunsten einer inneren Zusammengehörigkeit.

Wenn nun Europa nicht als Ort existiert, wie Bernard-Henri Lévy vermutet, worin besteht dann die stets beschworene europäische Identität? Kann das Konstrukt Europa allein auf politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten basieren? Genügen ein gemeinsames corporate design wie Flagge und Hymne, der Binnenmarkt, die Unionsbürgerschaft, die gemeinsame Währung oder der gemeinsame Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, um eine europäische Identität zu generieren? Gerade in den ökonomisch schwierigen Zeiten der letzten Jahre scheint das Schaffen einer Zusammengehörigkeit unabdingbar zur Konstruktion einer Körperschaft mit der sich die europäischen Bürger, gleichwohl aller Unterschiedlichkeit, identifizieren können.

Trotz großer Nähe und vergleichbaren Eigenschaften unterscheiden sich die Bestandteile Europas in Sprache, Tradition, Geschichte und Kultur. Wie viel Individualität und damit Identität bleibt einem Land und seinen Bewohnern innerhalb des großen Ganzen? Kann Europa nur unter der Bedingung der Selbstaufgabe kreiert werden, oder schafft es das Selbstbewusstsein der Mitgliedstaaten der Europäischen Union trotz allem persönlichen Charakter zu bewahren?

Die Ausstellung WHO MAKES EUROPE geht eben dieser Frage nach. Die Ausstellung ist das Ergebnis von sechs europäischen Residenz-Künstlern in Madrid und einer Auswahl von Werken junger Künstler aus zahlreichen europäischen Ländern. Das Kulturzentrum „Matadero“ und die deutsche Kuratorin Susanne Hinrichs reflektieren in dieser Ausstellung Europa und die Frage nach Identität im zeitgenössischen Kontext.

Die Idee zur Ausstellung und Residenz entstand vor dem Hintergrund der 50-jährigen Jubiläums des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags und wird maßgeblich unterstützt durch die Außenministerien beider Länder, vertreten durch ihre Botschaften in Madrid sowie durch die Europäische Kommission.

FRANCIS HUNGER (GERMANY)
Willkommen in der Überproduktionskrise / Bienvenido a la crisis de la sobreproducción
Plakat, 59,4 x 42 cm, endlose Auflage, 2013
For take away

Historische Ereignisse – vergessene, skurrile, scheinbar nebensächliche – sind Ausgangspunkt intensiver Recherche und Reflexion des Konzeptkünstlers. Mit künstlerischen Mittel wie Film, Ton, Textfragmenten und Fotomontagen gefundener Dokumente inszeniert Hunger vielfältige Installationen in denen er Begebenheiten hinterfragt, Gründe spekuliert und Zusammenhänge kommentiert. Er analysiert politische und gesellschaftliche Sachverhalte sowie ökonomische Theorien, um sie über einen künstlerischen Kontext zugänglich zu machen.
Für die Ausstellung entwickelte Hunger eine sehr pointierte Arbeit: Ein Plakat, in unendlicher Auflage reproduzierbar, liegt für den Besucher zur Mitnahme bereit. Das Bildmotiv und der Titel implizieren Referenzen an die Romantik und Strategien der Pop-Art zugleich und spielen auf die Suche nach einem Ausweg der Überproduktion, als Bestandteil unseres Alltags, an. Der Künstler empfiehlt, statt von Finanzkrisen besser von Überproduktionskrisen zu sprechen, und sieht grundsätzlich in der Anfeuerung des Wertverwertungsprozesses durch neue Kredite keine Lösung des Problems.

FILIPPO BERTA (ITALY)
Homo Homini Lupus, 2011, Video HD

Der Titel, umgangssprachlich übersetzt „der Mensch verhält sich gegenüber seinen Mitmenschen unmenschlich“, zitiert den Römischen Komödiendichter Titus Maccius. Zu sehen sind einige Wölfe in einer trostlosen Ebene, die um eine Flagge kämpfen, als würde ihr Leben davon abhängen. Der Kampf belegt die Macht des Stärkeren und zugleicht die Notwendigkeit sich zu behaupten. Die Gruppe der Wölfe symbolisiert eine homogene menschliche Gesellschaft, getragen von unterschiedlichen und widersprüchlichen Individuen, in der jeder sich selbst der Nächste ist und stets seine Kraft und Macht unter Beweis stellen muss. Die Flagge versinnbildlicht zum einen das menschliche Bestreben sich Territorien zu Eigen zu machen – und damit dem Wolf in seinem Verhalten vergleichbar, zum anderen wird jenes Gebiet zum Austragungsort des Brudermordes, der den ständigen Kampf um Vorherrschaft scheinbar notwendig macht.
Berta findet in diesem Gleichnis kraftvolle Bilder. Ohne in das Geschehen einzugreifen, lässt er dem animalischen Verhalten der Wölfe seinen Lauf und schlägt die Verbindung zu Identität und Staat allein über den Titel seines Werkes.

ELEONORE DE MONTESQUIOU (FRANCE)
NAINE, 4:3 video, 15 min

Der s/w Film NAINE (etsnisch für Frau) zeigt Frauen, Männer und Kinder in dem Fluss Narva badend, der die heutige Grenze zwischen Estland und Russland markiert. Eingestreute Archivaufnahmen zeigen Frauen während eines Sportevents in der Region zu Sowjetzeiten. Aus dem OFF spricht Olga, eine etwa 50-jährige Frau mit estländischem und russischen Pass über ihr Leben. Sie wurde zu Zeiten der Sowjetunion in der Stadt Narva-Ivangorod geboren, welche in den 1990 Jahren im Zuge von Perestroika und Glasnost estnisch, und zu Europa gehörend, und auf der anderen Seite des Flusses russisch wurde. Olga spricht nur russisch, überquert aber jeden Tag die nordöstlichste europäische Grenze um zu arbeiten, einzukaufen und ein Leben als alleinstehende Frau mit zwei Kindern zu realisieren. Sie spricht über sich als eine Frau, die Emanzipation nicht nötig hat, weil in ihrer Generation ohnehin die Frauen den Alltag managen. Sie erzählt, was es bedeutet an diesem Ende Europas zu leben und wie sie es geschafft hat zwischen den ehemaligen ostsowjetischen Staaten und Russland unter sich ständig verändernden Bedingungen zu überleben.