AUSSTELLUNGEN
 
EVENTS
 
TEXTE
Who makes Europe
PMB-Kunstpreis 2012
Kunststrassen
PMB-Kunstpreis 2010
Guy Ben-Ner
Videonale 12
Interview Herzogenrath
Interview Stoschek
Elke Nebel
Neues Sehen
was schläft
Katja Pudor
Klub Analog
A.R. Penck
 
PUBLIKATIONEN
 
KÜNSTLERLISTE
 
KONZEPT / VITA / KONTAKT




GUY BEN-NER, Manchmal bringt erst die Fiktion die Wahrheit ans Licht

Textbeitrag Susanne Hinrichs im Katalog "Flying Lessons", Edith Ruß Haus (Oldenburg)





Wer Kinder hat und dennoch weiterhin seinen Beruf ohne Babypause ausüben will, kennt ihn, den Spagat zwischen Kindergeschrei und geschäftlichen Telefonaten, zwischen Herd und Computer und den täglichen Organisationsaufwand, um wenigstens ein paar Stunden konzentriert arbeiten zu können. Oder aber man macht aus der Not eine Tugend und bindet die lieben Kleinen in seine beruflichen Aufgaben mit ein.
Guy Ben-Ner befindet sich 1999 in einer solchen Situation. Als junger Künstler und Vater zweier Kinder ist er ans Haus gebunden. Er übernimmt die Rolle des erziehenden und Haushalt führenden Vaters und sucht nach einer Möglichkeit beides zu vereinbaren. So werden seine Kinder kurzer Hand in seine künstlerische Arbeit mit eingebunden. Während diese als Protagonisten der Filme offensichtlich Spaß an ihrer Rolle haben, sind sie gleichzeitig vermeintlich beaufsichtigt und beschäftigt, und tragen unbemerkt zu einer künstlerischen Arbeit ihres Vaters bei. Dass es nicht ganz so einfach ist, wie hier beschrieben, zeigt die Erfahrung und ist an vielen Stellen auch in den Videos des Künstlers bemerkbar. Insbesondere in den frühen Arbeiten, zu einer Zeit, als die Kinder noch klein waren und die Sache nicht ernst nehmen konnten, zeigt sich immer wieder ihr Unmut, das zu tun, was ihnen abverlangt wird. So sind die Arbeiten durch Improvisation geprägt und zeugen nebenbei auch von einem Humor des Vaters, der die Situation anscheinend gelassen nimmt. Gerade diese Auftritte werden zu Schlüsselszenen der frühen Arbeiten, die reflektieren, welchen Bedingungen Ben-Ner bei der Produktion seiner Arbeiten ausgesetzt ist. Er kann offensichtlich auch während des Drehs nicht aus der Rolle des Erziehers schlüpfen. Immer muss er anweisen, zurechtweisen und tadeln oder aber auf den spontanen Schabernack der Kinder eingehen. Auch wenn diese täglichen Auseinandersetzungen Ben-Ners aus Sicht der Vaterrolle realen Situationen entsprechen, sind sie in den Filmen gestellte also fiktive Einstellungen. An dieser Stelle wird somit deutlich, dass der Künstler zwar auf der einen Seite seine Chance oder Notwendigkeit zu Hause arbeiten zu können/müssen produktiv nutzt, gleichzeitig aber jene äußerlichen Gegebenheiten aktiv zum Zentrum seines künstlerischen Schaffens macht. Durch die filmische Inszenierung reflektiert Ben-Ner nicht nur sein Handeln als Vater, vielmehr führt er das Familienbild als Ideal in zwar realistisch anmutender aber doch überspitzter Form dem Betrachter vor. Das was der Betrachter zu sehen bekommt ist nicht der Alltag der Familie Ben-Ner, auch wenn das Gesehene dem entspricht, vielmehr wird uns ein inszeniertes Bild vor Augen geführt, welches wir für Realität halten.
Zu erkennen ist die Inszenierung des Realen an oftmals nur kurzen Einstellungen, wobei manche Szenen aus vielen nur Sekunden langen Sequenzen zusammengesetzt sind. In Wild Boy etwas ist zu beobachten, wie die kurz rasierten Haare seines Sohnes erstaunlich schnell wachsen, so ist davon auszugehen, dass zwischen den einzelnen Takes Tage oder Wochen vergangen sein müssen. Doch genau jene Bedingungen baut der Künstler in sein Werk mit ein. Sie sind Ausgangspunkt und Mittel seine Produktionsweisen und Bedingungen gleichermaßen zu reflektieren.
Darin spiegelt sich aber nicht nur der Alltag des berufstätigen Vaters, der in seiner Arbeit immer wieder durch die realen Bedürfnisse der Kinder unterbrochen wird, denen es nachzugehen gilt. Gleichzeitig wird in zu weilen drastischen Szenen Ben-Ners Unmut deutlich, dieser Situation ausgesetzt zu sein. So thematisiert Berkeley´s Island die Einsamkeit des zu Hause gebliebenen Künstlers und Mannes, seine Reduktion auf die Vaterrolle und dessen unerfüllte Bedürfnisse in zwar humorvollen, aber doch eindrücklichen Szenen, z.B. wie sich der Künstler auf absurde Art seinem eigenen Geschlechtsteil widmet. Es wird aber auch angesichts der mitten in der Küche aufgebauten Insel deutlich.
Seine Videos erzählen von dem Aufbegehren des Mannes, der zugleich Künstler ist, und sich in seine Rolle als Hausmann und Vater nur widerwillig fügt. Sein sexuelles Begehren wird ebenso thematisiert wie die Anstrengung als Künstler ernsthaft wahrgenommen zu werden, während man gleichzeitig Erziehungsaufgaben übernommen hat. Mit unsagbarem Humor, der an vielen Stellen dem Betrachter die Tränen in die Augen treibt, gelingt es Ben-Ner diesen Spagat zu benennen und filmisch umzusetzen. Zwar entsprechen diese Lebensumstände einer emanzipatorischen Haltung des Mannes, aber in vielen Filmen wird deutlich, dass es keine freiwillig eingenommene und schon gar nicht geliebte Rolle ist. Die Ambivalenz zwischen Notwendigkeit und Wunschdenken sowie Realität und filmischem Abbild ist groß. Die aufgezwungenen Aufgaben evozieren Widerwillen und bergen dennoch immer wieder gute Momente, in denen Ben-Ners Nähe zu seinen Kindern, nicht nur fiktiv, spürbar wird.

Vielen seiner frühen Arbeiten sieht man an, dass sie „handgemacht“ sind. Sie vermitteln den Eindruck vom homemade Video und kommen mit wenig technischem Aufwand aus. Die Bühnen werden in der heimischen Küche präpariert und erinnern oft an den handwerklich geschickten Überlebenskünstler, der mit viel Einfallsreichtum Dinge des alltäglichen Lebens für andere Zwecke erfolgreich missbraucht. Und dennoch ist das Bild glaubhaft. Man kann sofort nachvollziehen, wie sich der junge Amir in mitten einer Wildnis bewegt, dass Vater und Tochter sich auf hoher See befinden oder empfindet die Verlassenheit Ben-Ners auf seiner in der Küche stehenden Insel. Wohl ist es dieser unprätentiöse Bühnenbau, der so unaufwendig daher kommt – auch wenn dies als Tatsache zuweilen nicht stimmen mag - der eine Humoreske vermuten lässt und den Betrachter auf einen leicht verdaulichen Familienfilm einstimmt. Amüsante Einfälle wie die Küchenzeile als Schiff umzufunktionieren oder Kaninchen und Wellensittich den Part der wilden Tiere übernehmen zu lassen täuschen zunächst über manch Ernsthaftigkeit und Bitternis hinweg, die einem dann doch das Lachen im Halse stecken lassen.

Im Laufe der Jahre verlassen seine Filme aber den Standard des Home-Videos. Die die neueren Filme vermitteln sowohl bezüglich der technischen Brillianz als auch des filmischen Aufwandes eine neue Qualität. Die Arbeiten werden scheinbar professioneller ohne an Charme zu verlieren und die angebliche Spontaneität beizubehalten. Dass diese immer nur eine gestellte, also fiktive ist, zieht sich als Hauptmerkmal bis heute durch.
„Manchmal bringt erst die Fiktion die Wahrheit ans Licht“, sagt Ben-Ner, der sich den Umgang mit dem Film-Medium selber angeeignet hat, was soviel heißt wie seine aus dem Leben gegriffenen kurzen Szenen sind wahrhaftig, auch wenn sie in diesem Moment gestellt werden. In den Filmen spiegelt Ben-Ner nicht nur seine persönlichen Erfahrungen, sondern reflektiert die Familie als kleinste soziale Einheit innerhalb derer er als Individuum seinen Platz einnimmt.

Nicht nur seine Kinder, auch Ben-Ner ist immer Darsteller in seinen eigenen Filmen. In vielen Künstlerkarieren kann man beobachten, dass der Produzent alle Rollen vereint und selber in seinen Filmen als Handelnder auftritt. Während diese Tatsache zu Beginn mancher künstlerischer Karrieren jedoch zumeist einen ökonomischen Hintergrund hat und in dem Moment beendet wird, da die finanzielle Situation die Bezahlung eines professionellen Darstellers möglich macht, bleibt Ben-Ner auch nachdem er mit seiner Kunst erfolgreich wurde sein eigener Hauptdarsteller. Nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil es immer noch um ihn selber geht. Sein Leben, seine Bedingungen, Künstler zu sein sind Ausgangspunkt der filmischen Arbeiten. Selbst die neuesten Werke, die das Thema Familie ausklammern, aber die Produktionsbedingungen von Kunst reflektieren, werden von ihm selber gespielt. Dieses Faktum zieht sich wie ein roter Faden durch ein zehnjähriges Œuvre und es ist nicht zu erwarten, dass sich an dieser Arbeitsweise etwas ändert. Seit die Performance-Kunst wieder aktuell geworden ist, betrachtet man solche Videos gerne als Perfomance-Videos. Es geht Ben-Ner aber nicht um Grenzerfahrungen seines eigenen Körpers, sein Körper ist nicht Mittel zum Zweck. Ben-Ner ist Darsteller seiner Selbst, weil es ihm um die Beantwortung seiner Fragen geht, die er nur unmittelbar im Film, oder durch die Produktion des Films erfahren kann.

Das Video Wild Boy von 2004 ist ein Lehrstück über den Auftrag eines Vaters, seinen Sohn in die Zivilisation einzuführen. Der etwa 4-jährige Junge gebiert sich in einer in der heimischen Küche aufgebauten Landschaft wie ein wildes Kind. Ähnlich dem im Dschungel aufgewachsenen Mogli bewegt sich Ben-Ner’s Sohn auf allen Vieren durch das Set, badet und plantscht in einer Waschschüssel und spielt mit den Haustieren, die frei durch die Gegend hoppeln. Die langen Locken fliegen ihm ins Gesicht, bekleidet ist er mit einer mit Dschungelmustern bedruckten Badehose und ganz offensichtlich genießt er seine Freiheit.
Durch Imitation des Vaters soll das Kind Werte und Anstand einer zivilen Gesellschaft lernen. Nachdem Amir in weißes Hemd und schwarze Hose gekleidet wurde und seiner Locken beraubt, gleicht er seinem Vater wie ein Miniatur Double und wird aufgefordert die Bewegungen Ben-Ners nachzuahmen. Laufen, essen und in einem Bett schlafen soll der Junge lernen und verfällt doch immer wieder in seine alten Handlungsmuster, widersetzt sich den gestellten Aufgaben und läuft davon.
Ben-Ner reflektiert in diesem Stück nicht nur das Lernen durch Nachahmung an sich, so wie es bei Tieren und Kleinkindern zu beobachten ist. Auch seine Rolle als Erziehender definiert sich in diesem Film als schwierig. Sie erfordert Geduld und stetige Wiederholung der Handlungsanweisungen, zeigt aber gleichzeitig sehr drastisch die Machtverhältnisse innerhalb einer Familien-Struktur. Der Vater, der das Oberhaupt der Familie bildet, greift massiv in die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ein, indem er ihm den Merkmalen seiner äußeren Erscheinung (Haare, Badehose, Fortbewegung) beraubt, als auch Handlungs- und Verhaltensmuster aufzwingt. So hinterfragt der Künstler, der sich seinen Lebensumständen entsprechend zu Hause einrichtet, nicht nur Klischeevorstellungen vom wildromantischen Künstlerdasein, der sich frei und individuell seinen Platz innerhalb oder auch außerhalb der Gesellschaft erobert, sondern auch die Rolle des Vaters, welcher unbestritten an oberster Stelle der Hierarchie steht und diese Position schamlos ausnutzt. In narrativ reflektierender Weise stellt sich der Künstler in Beziehung zu seiner eigenen Familie, und hier insbesondere zu seinem Sohn, dessen Erziehung zu einem gesellschaftsfähigen Menschen ansteht. Wild Boy thematisiert aber auch das Nutzen und Benutzen seines Kindes, der keine andere Wahl hat, als seinem Vater Folge zu leisten, weil er in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm steht. Ob beiden diese Beziehung gefällt, sei dahin gestellt, zu beobachten sind jedenfalls die ständigen Versuche des Jungen, seine Autonomie zu bewahren, indem er aus dem vorgegebenen Handlungsmuster auszubrechen versucht. Ben-Ner überhöht seine Handlungen gegenüber dem Jungen – zum Beispiel hängt er Amir bei Nicht-Gehorsam an einen Kleiderhaken – macht damit aber deutlich, wie unwohl er sich in seiner Rolle fühlt aus seinem Sohn ein Ebenbild seiner Selbst schaffen zu müssen. Immer wieder sind kurze Momente – ein verstecktes Lächeln, ein kurzer Ausbruch aus dem Drehbuch - zu beobachten, die darlegen, dass der Künstler seine Rolle überspitzt formuliert und spielt, die aber der gültigen Aussage des Werkes am Ende keinen Abbruch tun, sich allenfalls Sympathie bildend auswirkt. Es ist ein komplexer Zusammenhang, den Ben-Ner in diesem Video verwirklicht. Zum einen reflektiert er seine Rolle als Vater als auch das Heranwachsen seines Sohnes. Nur mit entsprechenden Verhaltensweisen, die Ben-Ner ihm nahe zu bringen versucht, hat der Junge eine Chance innerhalb unserer Gesellschaft zu überleben. Auch wenn hier individualisierte Personen (die Familie Ben-Ner) die Rollen übernehmen, spiegelt sich in der Handlung dennoch ein allgemein gültiges Wissen um Anstand und Werte einer Gesellschaft. Zudem wird aber auch die Rolle des Künstlers thematisiert, der anstatt in seinem Atelier intellektuell über künstlerische Arbeiten nachzudenken, sich gezwungen sieht aus einem kleinen menschlichen Wesen eine denkende und gesellschaftskonform handelnde Person zu entwickeln. Die Verknüpfung der beiden Handlungsstränge ist nicht nur ein formaler Akt, sondern führt zu einer komplexen Betrachtungsweise über Lebens- und Arbeitsbedingungen des Künstlers. Auch wenn die Filme manchmal den Anschein haben, spontan und intuitiv entstanden zu sein, so wird am Ende nichts dem Zufall überlassen. Bewusst zieht Ben-Ner die Pannen und unvorhersehbaren Geschehnisse mit ein, sodass manchmal Slapstick-artige Szenen entstehen die zur Heiterkeit des Filmes beitragen. Dennoch meint Ben-Ner sein Anliegen sehr ernst, wenn er in den ersten Jahren seines beruflichen Werdeganges die Arbeit mit seinen Kindern zum künstlerischen Prinzip erhebt.

Elia wendet sich der Komplexität einer ganzen Familie zu. Als Straußenfamilie verkleidet ziehen die Familienmitglieder Vater, Mutter und zwei Kinder durch einen Park auf der Suche nach einer Futterstelle. Zu beobachten ist hier das Gefüge einer Familie, welche einer gemeinsamen Bedingung, nämlich das Umherirren in einer offensichtlich unbekannten Umgebung, ist. Besonders aufmerksam und sich seiner Rolle als Beschützer und Oberhaupt der Familie bewusst, bewegt sich Ben-Ner zumeist an vorderster Stelle voran, während Mutter und Kinder folgen. Auch die Aufgaben der Mutter sind klar definiert. Sie ist zumeist diejenige, die den Säugling trägt, wenn dieser zu müde zum Laufen geworden ist. Einem sich in der Pubertät befindenen Mädchen gleich, tanzt einzig Tochter Elia aus der Reihe, die gegen die Vormundschaft des Vaters aufbegehrt und wenn überhaupt, Nähe bei der Mutter sucht. Entsprechend dem Alter seiner Kinder entwickelt Ben-Ner auch hier eine Geschichte, die seinen Alltag reflektiert. Die eigene Familie stellt die Protagonisten eines Filmes über eine Familie in einer vergleichbaren Situation. Die Revolte der Tochter bildet dabei nicht nur ein altersabhängiges Verhalten ab, wie es in allen Familien vorkommt. Vielmehr verdeutlicht es auch ein spezifisches Problem der Familie Ben-Ner, wenn die Tochter, welche schon in vielen Werken des Vaters mitgewirkt hat, sich beginnt abzugrenzen und ihren eigenen Vorstellungen zu folgen.

Zum eigentlichen Eklat kommt es nur ein Jahr später. Zur Produktion des Filmes Stealing Beauty verlässt Ben-Ner die heimische Wohnstätte mit der ganzen Familie und tauscht das Set in ein künstlich hergestelltes Wohnzimmer ein. Hingegen schafft er sich kein eigenes Set, sondern benutzt eine öffentliche Plattform. Stealing Beauty wurde in mehren IKEA- Filialen weltweit gedreht. Es ist frappierend, dass kein visueller Unterschied zwischen den einzelnen Häusern auszumachen ist. Nirgends machen sich kulturelle Geschmäcker, Bedürfnisse oder dergleichen bemerkbar. Allein anhand der Preisschilder, die die Möbel zieren, ist zu erahnen, ob sich die Familie gerade in Berlin oder Tel Aviv befindet. IKEA ist universell und verbreitet seinen schwedischen „Jugendstil“ international. IKEA ist solidarisch und familienfreundlich und vermittelt das Image, Kunden und Verkäufer würden auf Augenhöhe miteinander verhandeln. Im Sinne eines „Guten Designs für alle“, wie es das Bauhaus postulierte, tritt IKEA als Möbelgigant auf, der schönes Design zu erschwinglichen Preisen bereithält.
Die negativen Auswirkungen des Eingriffs in die Individualität des Einzelnen zugunsten einer globalen Geschmacksbestimmung, blenden der Konzern und auch seine Käuferschaft aus. Ben-Ner weist zu Recht auf diese Missstände hin, wenn er in seinem Video Stealing Beauty den Konzern als Set für seinen Dreh nutzt. An eine offizielle Drehgenehmigung war nicht zu denken, und so dreht der Künstler illegal, und nimmt das Risiko vertrieben zu werden in Kauf, was auch x- mal passiert, bis der gesamte Film im Kasten ist. Gerade diese Guerilla-Taktik macht aber das Besondere des Films und seine anarchische Struktur aus. Die IKEA-Besucher flanieren durchs Bild, also mitten durch Ben-Ners adaptiertes Wohnzimmer und wundern sich über die Kamera. Diese Irritation führt zu skurrilen Szenen, in denen unbeteiligte Personen ungeahnt Teil des Filmes werden. Ein bisschen weht der Hauch von versteckter Kamera herbei.
Die Fragen, die Guy Ben-Ner mit seinen Kinder über Besitzverhältnisse und Solidarität diskutiert, gehören genau an einen solchen Ort, der glauben macht, jeder sei gleich und könne den selben Standard erreichen. Der Titel Stealing Beauty verweist auf das Recht, Schönheit stehlen zu dürfen, weil sie allen gleichermaßen zusteht – ein Existenzrecht demnach ist – und ruft zu einer Straftat auf, die in dem Moment, da sie kollektiv begangen wird, keine mehr sein kann, da Richter und Kläger unisono sind. Zum anderen verweist der Titel aber auch auf eine „gestohlenen Schönheit“ in dem Sinne, dass die individuelle Ansicht von Schönheit von einem Massenphänomen wie IKEA verdrängt wird.
Die Kinder postulieren zum Schluss also zu Recht ihr Manifest, in welchem sie zum kollektiven Klau aufrufen und Schönheit für alle fordern. Stealing Beauty greift das Thema Familie, ihre Strukturen, inneren Abhängigkeiten und täglichen Kleinkriege nochmals auf und formuliert damit ein Resumée der vorangegangenen Familienfilme. Der Vater, der sich nach wie vor als Oberhaupt aufspielt und unangefochtene Macht besitzt, gebiert sich sowohl seiner Frau als auch seinen Kindern gegenüber als derjenige der über Recht und Unrecht zu entscheiden weiß. Der hier postulierte Besitzanspruch bezieht sich nicht mehr nur auf materielle Güter wie sie bei IKEA zu erwerben sind sondern überträgt sich auch auf die Mitglieder der Familie, wie Mutter und Kinder. Gemeinsam am Tisch sitzend rebellieren die Kinder in einer Diskussion gegen dieses Denken. Sie fragen den Vater, ob die Mutter ihm gehöre und reflektieren damit gleichzeitig ihre eigene Position, denn wenn der Vater die Mutter besitzt, so trifft das auch auf die Kinder zu. Obwohl Ben-Ner sich rauszureden versucht, man solle Liebe nicht mit Besitztum verwechseln, bleibt er seinen Kindern eine wahrhaftige Antwort schuldig. Auch hier handelt es sich jedoch wieder um eine fiktive Inszenierung, in der die realen Mitglieder der Familie Ben-Ner im Sinne einer sit-com die in diesen Räumlichkeiten beheimatete Familie nur spielen.

In den beiden jüngeren Filmen merkt man den Kindern an, dass sie älter geworden sind. Sie scheinen zu reflektieren, was sie tun und sind somit nicht mehr nur stumme Akteure, sondern bringen ihr eigenes Verständnis mit ein. Sie beginnen zu schauspielern, verstehen sich in einer Rolle und interpretieren diese. Ben-Ner ist Regisseur und Darsteller, muss aber dennoch die Eigenheiten seiner Kinder mitdenken und berücksichtigen. Nun nicht mehr als Versorger seiner Kinder mit Nahrung und Spielzeug, sondern als gleichwertiges Gegenüber, welches Rede und Antwort stehen muss. Es ist interessant zu sehen, wie sich im Laufe von sieben bis acht Jahren der Umgang Ben-Ners mit seinen Kindern verändert hat. Auch sein Blick auf seine eigene Rolle als erziehender Vater hat sich gewandelt. Die Kinder entwickeln sich von allein nicht lebensfähigen Wesen, die ständigen Support benötigen, zu eigenständigen Persönlichkeiten. Damit verschiebt sich auch die Sichtachse des Erwachsenen. Die Möglichkeiten ändern sich ebenso wie die Bedingungen und die Themen. So ist in der Entwicklung Ben-Ners Œuvres eine thematische Verschiebung zu sehen, die immer noch um Themen Familie und Beziehungen kreist, sich aber von einer aussichtslosen Rolle des Familienvaters, gebannt in seinen eigenen vier Wänden, wandelt hin zu völlig neuen Inspirationen durch seine Kinder. Anarchistisch im Sinne einer Hausbesetzung startet der Film I´d give it to you, but I borrowed it Ben-Ner besucht mit seinen Kinder ein Museum und obwohl sich eine (offensichtlich schlafende) Aufsichtsperson in den Räumen befindet, rennen die Kinder umher, besteigen und befassen die Kunstgegenstände und beginnen nach einer Weile, diese auseinander zu nehmen um am Ende aus Meilensteinen der Kunstgeschichte wie Duchamps, Picasso und Beuys ein Fahrrad zusammen zu schrauben, mit dem sie das Museum verlassen. Natürlich wirft der Künstler hier Fragen bezüglich der Kunstrezeption auf. Die Verwendung alltäglicher Gegenstände für die Kunstproduktion innerhalb der Moderne führt Ben-Ner ad absurdum, indem er akzeptierte Kunstgegenstände ihrem ursprünglichen Gebrauch zurück führt und aus ihnen ein Fahrrad baut. Im Blick des Familienvaters Ben-Ner und seiner Kinder, die sich in der Fahrradstadt Münster aufhalten liegt die Assoziation nahe sich ein eigenes Mobil zusammenzubauen um damit anschließend eine Erkundungstour durch die Stadt zu unternehmen. Ben-Ners Kinder übernehmen nun aber eine neue Rolle. Die Beziehung von Vater und Kind ist nicht mehr eine von oben nach unter hierarchisch gegliederte, sondern eine gleichberechtigte. Die kindliche Inspiration in Picassos Stierkopf nun wieder einen Fahrradlenker und Sattel zu sehen, greift der Künstler spielerisch auf du lässt der Entwicklung seinen Lauf, bis er sogar unterstützend mit eingreift. Die Familienmitglieder begegnen sich als gleichberechtigte Partner. Besonders deutlich wird dies an der Stelle, an welcher Vater und Kinder gemeinsam einen Pink Floyd-Song singen, wodurch noch mal ein besonderes Verhältnis untereinander entsteht und alle zu einem arbeitenden Team zusammenschweißt werden.

Was bedeutet es nun eigentlich für die Kinder, während ihrer Kindheit für die Zwecke einer künstlerischen Arbeit des Vaters herhalten zu müssen? Wie fühlt sich die heranwachsende Elia, wenn sie feststellen muss, dass sie in der Öffentlichkeit derart vorgeführt wird? Ist Amir stolz oder peinlich berührt, wenn er sich selber in einem Museum auf einer Großprojektion agieren sieht? Wir wissen, dass Kinder seit jeher Gegenstand künstlerischer Bildnisse sind. Sie wurden schon immer gemalt und geformt, um ein Abbild von ihnen zu erhalten. Es waren Auftragsarbeiten von Herrschaftshäusern, die ihre Kinder porträtieren ließen, oder aber sie galten als Model eines unabhängigen künstlerischen Werkes, wie etwa bei Paula Modersohn-Becker, die Kinder aus ihrer Umgebung malte. Immer ging es dabei aber um das Abbild des Kindes, um seine individuelle Erscheinung, um das Besondere an diesem Kind. Auch Videokünstler, und hier insbesondere Künstlerinnen wie Else Twin Gabriel etwa, arbeiten gemeinsam mit ihren Kindern an Fotografien und Videos. Doch konnotiert sie diese Arbeit anders, als Ben-Ner.
Was passiert also in den Filmen Ben-Ners? Es geht ihm eben nicht um das individuelle Abbild seiner Kinder. Er setzt ihnen kein Denkmal, vielmehr nutzt er sie für seine Zwecke. Er stellt klare Regeln auf, die einem Drehbuch folgen, er verkleidet seine Kinder, rasiert ihnen die Haare, weist an und ermahnt.
Aber nutzt er sie aus? Wenn man beobachtet, mit wie viel Spaß und Enthusiasmus seine Kinder teilweise in den Filmen mitwirken, ist dieser Vorwurf so vehement ausgedrückt sicherlich auszuschließen. Dennoch reflektiert Ben-Ner genau dieses Verhalten seiner Selbst als Künstler und Vater, dem in einer bestimmte Lebenssituation als Künstler nur der Ausweg bleibt, seine Kinder in die Arbeiten mit einzubinden. Wie kindgerecht dieses Mitwirken ist, bleibt dahin gestellt. Und auch der Spaßfaktor schlägt irgendwann in Arbeit um und erzeugt deutlich sichtbaren Widerwillen bei den Kindern. Nun muss aber auch die Frage gestattet sein, wie reflektiert insbesondere die jüngeren die Kinder sich dessen bewusst sind, was sie da tun? Mit zunehmendem Alter der Kinder wird auch in den Filmen klar, dass sich durchaus ein Bewusstsein darüber erlangen, eine Rolle in dem Gesamtgefüge der väterlichen Kunstproduktion zu spielen. Sie spüren, dass von ihnen und ihrem Verhalten eine Bedeutung ausgeht, die das künstlerische Werk des Vaters auch zu Scheitern führen könnte, sollten sie nicht mitziehen. Somit drehen sich die Machtverhältnisse zuweilen um, und dessen sind sich sowohl Ben-Ner als auch seine Kinder (zumindest ab einem bestimmten Alter) bewusst.
Zu fragen wäre auch, ob es den Kindern peinlich ist, in den Filmen aufzutreten? Von der Produktion zu Stealing Beauty weiß man, dass die Kinder befürchteten, ein Freund oder Freundin würde in einer IKEA-Filiale um die Ecke kommen und sie bei den Dreharbeiten erwischen. Es macht also einen Unterschied, ob im heimischen Wohnzimmer oder verbotener Weise in einer Öffentlichkeit gedreht wird. Sicher spielt aber auch das Alter der Kinder eine Rolle. Gerade in Stealing Beauty kann man sehr schön beobachten, wie verschämt manche Szenen sind. Die langjährige Übung vor der Kamera macht es den Kindern leicht dort zu agieren, dennoch ist eine Befangenheit immer spürbar. Allerdings lässt sich das auch bei den Eltern bemerken, die neben ihren Texten und schauspielerischen Aufgaben auch noch das Personal des Kaufhauses im Blick haben müssen, ob sie gerade erwischt werden, oder die Kunden davon abhalten müssen, an der Kamera herumzuspielen. Also entsteht eine ganz andere Anspannung, die dem Gesamteindruck eine gewisse Ernsthaftigkeit verleiht.
Vergleicht man den spielerischen Umgang mit seiner Tochter in Moby Dick, etwa als der Teller auf dem Tisch hin- und herrutscht- offenbar bei hohem Seegang- entsteht auf beiden Seiten ein kindliches Vergnügen, welches fast zur Eskalation führt. Diese Stelle ist ein Beispiel dafür, dass Ben-Ner ganz bewusst wahrhaftige Szenen, die unabhängig vom Drehbuch entstehen, und sich somit von den anderen fiktiven Parts unterscheiden, einbezieht und eine Brücke vom Realen zum Fiktiven baut. Der Film Wild Boy zeigt die humorvolle Umgangsweise des Vaters mit jenen spontanen Situation in denen der Junge sich trotzig den Anweisungen seines Vaters widersetzt.
Mit der Professionalisierung der Arbeit und dem zunehmenden Alter der Kinder geht demnach etwas verloren. Zugleich wird aber auch eine neue Reflexionsebene gewonnen. Stealing Beauty spricht nicht mehr über singuläre Personen, etwa den Künstler selber. Die Thematik wird allgemeingültiger und entspricht somit auch intellektuell den heranwachsenden Kindern. Die Frage nach Besitzverhältnissen und Gerechtigkeit sind eminent wichtig während der Adoleszenz eines Kindes. Ganz natürlich stellt es die Fragen, wem was gehört, warum das so ist und ob es gerecht ist, dass einer viel hat und ein anderer wenig. Familien mit heranwachsenden Kindern kennen diese Diskussionen am Abendbrotstisch, die sich darum drehen wer was besitzt und warum man selber nicht das gleiche besitzt wie sein Nachbar und warum dem Obdachlosen auf der Strasse nicht das eigene Bett für eine Nacht angeboten werden darf.
Sehr klug und menschlich, und vor allem wissend um die Bedürfnisse und Fragestellungen von Familien im Allgemeinen entwickelt Ben-Ner seine Themen. Seine eigene Familie bildet dabei immer das Zentrum und den Ausgangspunkt seiner Filme, auch wenn in den Filmen deutlich wird, dass die reale Familie Ben-Ner eine fiktive Familie spielt. Die kapitalistische Gesellschaft, welche insbesondere in Stealing Beauty zum Tragen kommt, wird so punktgenau und kritisch von Ben-Ner reflektiert, dass jeder Einzelne sich darin widergespiegelt sieht.
Ben-Ners Filme treffen uns im Inneren, die Authentizität seiner Geschichten bedingen sich zum einen durch seine Arbeitsweise zum anderen aber auch durch seine eigene Nähe zu den Themen, die er aufgreift.

Dass die Arbeit mit seinen Kindern naturgemäß ein Ende haben würde, wusste Ben-Ner, und so spielen sie in den neueren Filmen schon gar nicht mehr mit. Ob dies aber darin begründet liegt, dass die Kinder nicht mehr den Zwecken ihres Vaters dienen wollen und sich demnach verweigern, ist fragwürdig. Vielmehr scheint das Thema Familie für Ben-Ner abgehandelt zu sein, nicht zuletzt weil Amir und Elia dem Kindesalter entwachsen und die Lebensverhältnisse sich ändern. Die heutige Situation scheint dazu beizutragen, neue künstlerische Wege einzuschlagen und die neuen Aspekte des Lebens zu reflektieren. So zum Beispiel die Nomadenrolle als Künstler, der erfolgreich wurde und nun ständig durch die Welt tourt.