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DER MENSCH BEGEHRT VON NATUR AUS ZU WISSEN

Susanne Hinrichs im Gespräch mit Elke Nebel





Susanne Hinrichs: Du bist Malerin und Videokünstlerin. Fangen wir mit der Malerei an. Wie beginnst du ein Bild?
Elke Nebel: Ich habe ein bestimmtes Bild, bzw. eine Vorstellung von einem Bild im Kopf. Meistens entstehen diese Vorstellungen kurz vor dem Einschlafen, wenn ich zur Ruhe komme. Oftmals erfassen mich die Gedanken wie Geistesblitze und plötzlich ist dieses Bild da, welches ich am liebsten sofort malen möchte. Mit einer kurzen Skizze halte ich die Ideen fest, damit ich am nächsten Morgen einen Anhaltspunkt habe, wie ich das Bild beginnen kann. Für mich ist die Malerei eine Entdeckungsreise, die mich zuweilen auf völlig neue, unerwartete Wege leitet und am Ende ist ein Bild entstanden, welches mich selbst überrascht. Während des Malprozesses gibt es immer wieder Momente, an denen mir das Bild auf unbeschreibbare Weise mitteilt, was es will.

SH: Du hast in deinem Studium als Malerin mit figürlichen Motiven begonnen. Woran hast du dich in deinen Anfängen orientiert?
EN: Zu Beginn des Studiums orientierte ich mich sehr an meinem Professor Jörg Immendorff, der ja als figürlicher und politischer Maler bekannt ist. Natürlich habe ich mir in diesem Zusammenhang auch Künstler wie Otto Dix, George Grosz usw. angeschaut, die mich sehr faszinierten. Weil ich auch einfach mal die Prostituierten vor Ort zeichnen wollte, bin in einen Puff gegangen.

SH: Hat man dich da rein gelassen?
EN: Ja, das schon, aber da ich zu schüchtern war, habe ich nur einen Longdrink genommen und bin wieder gegangen.

SH: Wie ging es danach weiter?
EN: Die Kunst ist eine ständige Suche, ein tägliches Verlangen nach neuen Wegen. Nach und nach stellte sich bei mir Vertrauen zu den eigenen Bildern ein. Ich merkte, dass die Figur mich jedoch zu sehr festhielt, also musste ich sie bewusst loslassen. So kam es zu den heutigen Bildmotiven.

SH: Wie kam es zu den gemalten Filmen?
EN: Mich interessierte zunehmend der Prozess der Malerei, diesen wollte ich festhalten und dafür war der Film das am besten geeignete Medium. Der erste Film „Moonwalk“ entstand noch Zeichnung für Zeichnung und entsprach eher der Technik eines Zeichentrickfilms. Der Film verleitet natürlich dazu, sehr viel zu erzählen und ich konnte nicht glauben, das alles auf einer Leinwand formulieren zu können. Erst später kam ich auf die Idee, die Entwicklung des Bildes auf einer einzigen Leinwand entstehen zu lassen und die Zwischenergebnisse Schritt für Schritt ab zufilmen. Das führte dazu, dass das Erzählerische weniger wurde und die Bilder sich auf mehr oder weniger ein Motiv beschränkten. Diese Erfahrung konnte ich dann auch auf meine Malerei übertragen.

SH: Wie würdest du deine heutigen Motive beschreiben?
EN: Das, was uns alltäglich umgibt, interessiert mich nicht als Bildmotiv. Es gibt viele Maler, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, doch mir sagt sie nichts. Ich suche nach dem, was darüber hinaus geht. Die Veränderung von Umständen, das sich Verflüchtigen von Formen und die Frage nach dem, was sich über oder hinter uns befindet, interessieren mich eher. Was macht die Seele des Menschen aus, wo findet sie Verbündete? Die Welt wird zugemüllt mit soviel Nichtigkeiten, unwichtigem Zeug, dass die Menschen blind werden für das Wesentliche. Hier suche ich meine Motive.

SH: „Der Moonwalker“, einer Deiner ersten Filme, zeigt einen Astronauten, der von der Erde kommend auf dem Mond landet und die Bilder der Erde nicht aus seinem Kopf bekommt. In seinem Visier zeigst du unser kollektives Bildgedächtnis der Erde mit Landschaft, Menschen, Fische im Meer, sogar die Mona Lisa. Wie gelangte dein Blick von der Erde ins Weltall?
EN: Nach dem Tod meines Vaters, richtete ich den Blick nach oben und fragte mich, was da wohl sein kann. Die Frage, was nach dem Tod passiert, was aus uns Menschen wird, berührte mich und so begann ich nach einer Antwort zu suchen

SH: Hat das Weltall denn etwas mit dem Tod zu tun? Es existiert doch unabhängig von unserem Leben oder Sterben.
EN: Ich denke schon. In einem sehr interessanten Buch mit dem Titel „Primum Mobile“ wird genau diese Frage behandelt. Im Klappentext des Buches ist zu lesen: „Der Autor Bruno Binggeli nimmt den Leser mit auf eine Reise zum Ursprung aller Dinge und zeichnet gleichzeitig einen Bogen zum Weltgebäude der Göttlichen Komödie Dantes und macht so die moderne Kosmologie mit den mittelalterlichen Jenseitsvorstellungen bekannt.“ Dantes Wanderung durch die verschiedenen Kreise des Himmels und der Hölle wird in Beziehung zu den Bildern, die die Wissenschaft sich derzeit vom Universum macht, gesetzt. Diese Deutung lässt mich seit Langem nicht mehr los.

SH: Wo würdest du lieber wohnen, auf dem Mond oder auf der Erde?
EN: Auf jeden Fall auf der Erde, denke ich…

SH: Auch wenn es dich so ins Weltall zieht und dein Blick immer wieder dorthin wandert?
EN: Ich habe vor Kurzem eine Weltraumtouristin kennen gelernt, mit der ich ins Gespräch kam. Natürlich hatte ich sofort den Wunsch, die 200.000 € irgendwie zusammenzubekommen, um auch so eine Reise machen zu können. Der Blick auf die Erde reizt mich sehr, das muss eine unbeschreibliche Erfahrung sein. Vor zwei Jahren traf ich einen Astronauten, der sagte, man solle die Politiker mal ins All schicken, damit sie sehen, dass es tatsächlich nur eine Erde gibt. Dennoch kann ich mir mein Leben nur auf der Erde vorstellen.

SH: Deine Motive berühren die Menschen, weil sie eine ganz ursprüngliche Sehnsucht ansprechen. Den Blick auf die Erde erträumen sich viele. Ob es „da Draußen“ etwas gibt, darüber machen sich Menschen seit Jahrtausenden mehr oder weniger Gedanken. Du fragst in deiner Ausstellung auch „Anybody out there“? Glaubst du, es gibt in der Weite des Alls „Etwas“?
EN: Auf jeden Fall. Ich meine das Weltall ist so riesig, da muss es irgendwo Etwas geben.

SH: Was könnte das ein? Hast du eine konkrete Vorstellung davon? Handelt es sich um ein humanoides Wesen, wie wir es aus zahlreichen Science-Fiction-Movies kennen?
EN: Ich glaube, dass man nach dem Tod auf eine Reise geht. Man weiß nicht, was es ist und wohin einen diese Reise führt. Doch ich kann mir vorstellen, dass aus uns ein Energiepünktchen wird, welches irgendwo herumschwirrt und dann irgendwann wiedergeboren wird. Demnach entstünde das, was dort sein könnte aus uns selber und existiert dort für eine bestimmte Weile.

SH: Sind die Doppelpunkte auf deinen Bildern, die wie Augen auf uns Blicken, eine Vorstellung davon?
EN: Genau. Sie beschreiben eine Art Seelenzustand.

SH: Dein Seelenzustand?
EN: Nein. Von denen, die da oben sind oder was da oben sein könnte.

SH: Was ist mit den anderen Motiven? In „Der Lauf“ entwickelt sich die Figur einer Frau zum Mann, der auf einem Pferd davon reitet. In „Donum“ gleiten die Porträts von Sokrates, Platon und Aristoteles ineinander. Was hat es damit auf sich?
EN: Beim „Lauf“ verfolge ich assoziativ die sich ergebenden Formen der Farbe und konkretisiere Sie mit nur wenigen Strichen zu Figuren. Es ist wie eine Art Spiel: Die Farbe gibt die Form vor und ich versuche zu sehen, wonach das Bild fragt. Bei den Porträts ist die Herangehensweise zwar ähnlich, aber es gab drei Vorlagen von den jeweiligen Philosophen. Ich wollte die Zwischensituationen sehen. Was passiert, wenn mit einzelnen Strichen die Nase breiter wird, das Haar voller oder der Mund schmaler. Der Prozess der Malerei steht in solchen Produktionen immer im Vordergrund.

SH: Kannst Du noch etwas genauer beschreiben, wie die Filme technisch entstehen?
EN: Es ist meistens eine Bildunterlage, auf der ich anfange zu malen, und jedes Bild, also jede Veränderung auf der Leinwand, halte ich mit einer Videokamera in Einzelbildern fest. Am Ende bleibt eben ein letztes Bild, in seinem letzten Zustand, und ein gemalter Film.

SH: Und dieses Bild, in seinem letzten Zustand, welche Relevanz hat es in Deinem Gesamtwerk? Hat es noch eine Bedeutung im Sinne eines endgültigen Werkes bzw. eines Meisterwerkes oder ist es nur dafür da gewesen, um diesen Prozess zu zeigen?
EN: Es entstand nur, um den Prozess zu zeigen. Ich fände es zu didaktisch, dieses Bild dann auch noch zu zeigen.

SH: Demnach existiert die Malerei neben der Videokunst. Oder ist sie Ausgangspunkt und Inspirationsquelle für die Videokunst?
EN: Beides. Das ist ein Geben und Nehmen.

SH: Die Malerei und auch die Videokunst bleiben eigenständig innerhalb Deiner Arbeit?
EN: Ja.

SH: Deine Arbeiten haben sich von einer sehr erzählerischen, figürlichen Form immer weiter in Richtung „Kosmosbilder“ entwickelt, in denen Du Deine Vorstellungen vom Weltall schilderst. Würdest Du diese Arbeiten als abstrakte Bilder bezeichnen?
EN: Nein, ich würde die Bilder nicht als abstrakt bezeichnen, weil man ja auf jeden Fall immer noch eine Geschichte darin erkennt. Abstrakte Malerei im Sinne von Mondrian zum Beispiel, ist das nicht.

SH: Deine Bilder und Videos sind also nach konkreten Motiven entstanden?
EN: Ja, schon.

SH: Was treibt dich, immer weiterzumachen?
EN: Ich fühle mich am wohlsten in meinem Atelier. Es ist einfach wichtig, dass man die Kunst hat. Ich würde krank werden, wenn ich die Kunst nicht hätte, um meine Gedanken loszuwerden.